Dirigieren: Chor

In der elften Klasse trat ich in den Schulchor meines Gymnasiums ein. Damit folgte ich nicht primär einem inneren Verlangen oder der Lust am Singen. Ich kannte diese Erfahrung schlicht nicht, da ich noch nirgendwo im Ensemble gesungen hatte. Den Stein ins Rollen brachte GMD Dieter-Gerhardt Worm mit seinem Ratschlag, dass ich kein guter Orchesterdirigent werden könne ohne zuvor einen Chor geleitet zu haben (vgl. Wie ich wurde, was ich bin).

Mein großes Interesse an Musikgeschichte war meiner Schulchorleiterin Anett Frenzel aufgefallen, als wir uns in meiner ersten Musikunterrichtsstunde in der elften Klasse kennen lernten. Sie teilte als ‚spielerischen‘ Schuljahresbeginn eine Karikatur aus, auf der zehn Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts zu sehen waren, und scherzte: „Wer nicht nur alle Namen aufschreibt, sondern zu allen das Geburts- und Sterbedatum kennt, der kriegt eine 1!“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Noch bevor andere auch nur drei Namen auf dem Papier stehen hatten, reichte ich ihr eine Liste mit zehn Namen und zwanzig Jahreszahlen. Den Blick werde ich nie vergessen. Sie glaubte damals, das sei ein Scherz. Doch der Abgleich mit den eilig aus dem CD-Schrank gezogenen Tonträgern (in der Zeit vor der ubiquitären Google-Gegenwart wurden so die Jahreszahlen abgeglichen) bestätigte: Alles richtig. Ich erzähle diese Episode, weil ich sie als Beginn alles Folgenden und damit als äußerst wichtig ansehe: Ich bin der Meinung, dass mich Anett Frenzel ab diesem Tag maßlos überschätzte und mehr in mir sah, als ich zu diesem Zeitpunkt wirklich war. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sie mich zum Registerprobenleiter im Schulchor machte, ohne dass ich jemals zuvor Gesangs- oder Chorerfahrung gesammelt hatte, ganz zu schweigen von Chorleitungserfahrungen. Nicht einmal Klavier spielen konnte ich zu diesem Zeitpunkt. Doch ich hatte Großes vor; das schien zu reichen. Selbstverständlich ergriff ich alle mir gebotenen Chancen: Neben Registerproben schrieb ich erste Arrangements und dirigierte den Chor. Wie das damals funktioniert hat – und es hat funktioniert! – ist mir bis heute ein Rätsel. Aber ich löste schlussendlich die an mich gestellten Erwartungen ein. Der Höhepunkt war für mich erreicht, als ich während meiner eigenen Abiturfeier 2006 den Schulchor dirigieren durfte.

Das erste Foto von mir als Chordirigent. Es war meine eigene Abiturfeier im Sommer 2006.
Das erste Foto von mir als Chordirigent. Es war meine eigene Abiturfeier im Sommer 2006.

Learning by doing: Wie ich Liedermeister wurde

Im Sommer 2007 beendete ich meinen Klavierunterricht und wollte für ein Praktikum ein Jahr lang in die USA gehen. Im Februar 2008 meldete ich mich bei meiner ehemaligen Klavierlehrerin, da ich noch ein paar Stunden Unterricht in Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen nehmen wollte. Erst dann erfuhr sie, dass die Praktikumspläne geplatzt waren. Doch sie schaltete blitzschnell und sorgte mit einer Idee für eine der folgenreichsten Entscheidungen meines Lebens. Über mehrere Umwege hatte man ihr angetragen, die Leitung des Männergesangvereines Langenbernsdorf e. V. zu übernehmen. Sie wollte das nicht und hatte die Angelegenheit schon fast wieder vergessen. Noch während unseres ersten Telefonates sagte sie: „Mensch, das wäre doch das Ideale für dich!“ Ich Chorleiter? In einem Männerchor? Ich fand das absurd, aber glücklicherweise überlegte ich nicht lange und meldete mich beim Chor. Ich kam zu einer Schnupperstunde und eine Woche später war ich, das 20-Jährige unbeschriebene Blatt, Liedermeister eines 137 Jahre alten Chores mit 30 Sängern im Alter zwischen Mitte 50 und Mitte 80.
Die Ausgangslage war allen bewusst. Genauso wusste aber jeder, dass sich nicht mehr viele Chancen für den Verein ergeben würden und man auf das sichere Aus zusteuert, wenn man es mit mir nicht probieren würde. Diesem Umstand ist es wohl zu verdanken, dass man mir uneingeschränkt folgte und so manche naive Idee über sich ergehen ließ. Im Laufe der Zeit entstanden nicht nur Freundschaften zwischen mir und den Sängern, sondern in dem Maße, wie ich ein besserer Chorleiter wurde, erstarkte der Chor in seinen sängerischen Leistungen auf ein lange nicht dagewesenes Niveau.
Der Männerchor des Männergesangvereines Langenbernsdorf e. V. im 145. Jubiläumsjahr 2016.
Der Männerchor des Männergesangvereines Langenbernsdorf e. V. im 145. Jubiläumsjahr 2016.

Besser spät als nie: Die nachgeholte Chorleiterausbildung

Nachdem ich nun schon einige Jahre lang als Chorleiter ‚praktizierte‘ und mich im Bereich Orchesterdirigieren professionalisierte (vgl. Wie ich wurde, was ich bin), kam ich irgendwann zu der Erkenntnis, dass ich mich unter professioneller Anleitung im Bereich Chorleitung weiterbilden sollte. Einige Jahre ging es gut, mit unorthodoxen Mitteln sprichwörtlich von hinten durch die Brust ins Auge zu stechen. Doch irgendwann war der Punkt erreicht, an dem der Chor nicht mehr besser werden konnte, weil ich meine damaligen Fähigkeiten ausgeschöpft hatte. Dass ich nun erstmals der Hemmklotz war, machte mich in höchstem Maße unzufrieden. Also nahm ich im Rahmen diverser Chorleitungsworkshops und dem Sächsischen Chorleiterseminar des Sächsischen Chorverbandes e. V. an verschiedenen Weiterbildungen teil. Oft waren es kleine Dinge, wie das Schließen von wenigen Verständnislücken oder das Korrigieren kleiner Bewegungsabläufe, und sowohl meine Probenmethodik als auch meine Dirigiertechnik wurden besser. Für mich ist das Anreiz genug, mich auch künftig regelmäßig dieser Art der Weiterbildung zu stellen.
Abschlusskonzert des 41. Sächsischen Chorleiterseminars 2016 in Freiberg.
Abschlusskonzert des 41. Sächsischen Chorleiterseminars 2016 in Freiberg. Auf dem Programm: "Der Speisezettel" von Carl Friedrich Zöllner für Männerchor.

Das Besondere am Chordirigieren

Das Besondere am Chordirigieren ist aus meiner persönlichen Sicht einerseits, dass man beide Hände flexibel einsetzen kann und andererseits, dass man ein homogenes ‚Instrumentarium‘ hat. Beides klingt scheinbar nach einer einfacheren Handhabung als beim Orchesterdirigieren, erfordert aber tatsächlich viel mehr Präzision und Aufmerksamkeit des Dirigenten. Jede noch so kleine Bewegung, jede Geste, jede mimische Regung verändert (idealerweise) den Klang des Chores. Gleichzeitig ist ein Sänger mehr als ein Instrumentalist auf den Einsatz, die Führung und den Abschluss des Dirigenten angewiesen. Atmet der Dirigent nicht ordentlich, ‚klappert‘ der Einsatz. Hält der Dirigent nicht die Spannung, verlieren sie auch die Sänger. Zeigt der Dirigent einen schlechten Abschluss, kann kein von allen gleichzeitig abgesprochenes „t“ o. ä. gelingen. Wo sich ein Orchester in einigen Situationen selbst zu organisieren vermag, ist dies einem Chor ohne ordentliches Dirigat schwer möglich. Meine naive Sicht aus der Jugendzeit, Chordirigieren könne jeder und nur das Orchesterdirigat sei eine Herausforderung, hat sich deutlich revidiert. Zugegebenermaßen fordert es mir aber noch immer einiges ab, als Dirigent gegenüber einem a cappella gesungenen Volkslied die gleiche Demut aufzubringen, wie gegenüber einer Sinfonie. Insofern bin ich dankbar, regelmäßig beides dirigieren zu dürfen und mein eigenes Wertesystem dadurch ein Stückweit ausnivellieren zu können.

Referenzen als Chordirigent

2004 – 2008Assistenz im Schulchor des Georgius-Agricola-Gymnasiums Glauchau
2008 - heuteLiedermeister des Männergesangvereines Langenbernsdorf e. V.
2012 - 2013Liedermeister des Männerchores Seelingstädt e. V.
2013 - heuteGründer und Leiter des gemischten Projektchores und des Kinderchores des Männergesangvereines Langenbernsdorf e. V.
2014Initiator und Leiter des Kammerchores des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar
2016 - heuteregelmäßig Assistenz-Verpflichtungen in der Chorleiterausbildung des Sächsischen Chorverbandes e. V.
zudem regelmäßige Dirigate von Massenchören bei diversen Sängertreffen