Dirigieren: Orchester

Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich selbst, wo meine Lust am Orchesterdirigieren herkommt. Als auf dem Dorf aufgewachsenes Kind einer Arbeiterfamilie, die vor meiner aktiven musikalischen Zeit nichts für Kultur übrig hatte, gab es für mich keinerlei Anreiz oder Berührungspunkte Musik passiv zu erleben, geschweige denn aktiv. Trotzdem kam irgendwann in meiner Jugend der Tag, an dem ich ein Sinfonieorchester dirigieren wollte. Nach vielen zu überwindenden Hürden und einer Ausbildung (vgl. Wie ich wurde, was ich bin) kam dann endlich der Tag, genauer gesagt waren es gleich drei Tage, an denen ich zum ersten Mal in meinem Leben am Pult eines professionellen Sinfonieorchesters stand.

Es ist mittlerweile einige Jahre her, doch wenn der größte Wunsch, den man als Jugendlicher haben kann und auf den man jahrelang hart hingearbeitet hat, in Erfüllung geht, dann brennt sich das wohl nachhaltig ins Gedächtnis ein. Im Sommer 2010 nahm ich erstmals am Auerbacher Sommerkurs Orchesterdirigieren mit der Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach unter Leitung von GMD Stefan Fraas teil. Ein Dutzend Teilnehmer saßen im Seminar, bevor wir vor das Orchester durften; viele ebenfalls zum ersten Mal und entsprechend aufgeregt. Das beruhigte mich zumindest ein wenig. Auf dem Programm standen Mozarts Exsultate, jubilate (Solistin: Andrea Chudak), Rheinbergers 2. Orgelkonzert (Solist: KMD Ulrich Meier) und Beethovens 1. Sinfonie.
Meine Aufregung stieg umso mehr, als ich als erster Dirigent bestimmt wurde, der den Reigen der Orchesterproben mit der Beethoven-Sinfonie beginnen sollte. Die wenigen Minuten kamen mir wie eine Ewigkeit vor, ich war anschließend schweißgebadet (mehr von der Aufregung als von der Anstrengung) und ziemlich holprig war das Dirigat auch. Aber es fühlte sich gut an! Das wollte ich unbedingt weitermachen. In den drei Orchesterprobentagen, die von weiteren Seminareinheiten (Dirigieren mit Korrepetitoren) unterbrochen wurden, dirigierte ich alle drei Werke, zumindest in Auszügen. So lernte ich in und zwischen den Proben Andrea Chudak kennen und schätzen, die nicht nur in meinem Debüt-Konzert 2011, sondern auch danach in vielen meiner Konzerte als Solistin sang – sehr zu meiner Freude und der des jeweiligen Publikums.
Am letzten Tag endete der Kurs mit dem Abschlusskonzert. Ich höre noch heute GMD Fraas sagen: „Herr Pauser: Sinfonie, 3. Satz.“ „Oh nein!“, dachte ich für mich, „ausgerechnet der Satz, den ich am wenigsten gut kann…“ Ich weiß nicht, ob es Absicht war, aber einerseits habe ich das in folgenden Kursen mehrfach wieder erlebt, und andererseits hat mich nichts weiter voran gebracht, als ein Stück dirigieren zu müssen, von dem ich gehofft hatte, es nicht tun zu müssen, da ich andere Sätze vermeintlich besser konnte. Da waren sie also wieder, diese Anfälle von Naivität und Dummheit. Wie konnte ich so etwas denken? Nur wenig später habe ich mich selbst über meine Gedanken geärgert – um es im Jahr darauf gleich wieder zu tun. Erst bei meinem fünften Kurs trat ich mit der Überzeugung an, im Rahmen meiner Fähigkeiten auf alle Sätze gut vorbereitet zu sein. Ob sich das während der Dirigate gezeigt hat oder nicht, jedenfalls durfte ich 2016 zum ersten Mal einen Sinfonie-Schlusssatz dirigieren, und zwar den von Mendelssohn Bartholdys Reformations-Sinfonie.

Artikel der Freien Presse Auerbach vom 30.08.2011. Mein zweiter Dirigierkurs mit der Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach: Auf dem Pult lag hier Joseph Haydns 104. Sinfonie.
Artikel der Freien Presse Auerbach vom 30.08.2011. Mein zweiter Dirigierkurs mit der Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach: Auf dem Pult lag hier Joseph Haydns 104. Sinfonie.

Spieglein, Spieglein an der Wand, oder: Ein Klavier ist kein Orchester

Wie lernt man eigentlich dirigieren? – Das ist eine häufig gestellte Frage. Dass es ein jahrelanges Üben voraussetzt, mag einleuchten. Doch man kann doch nicht mit einem großen Ensemble oder gar Orchester proben, nur um zu lernen? Die Antwort ist: Jein. Natürlich lernt man ein Orchester zu dirigieren nur dann, wenn man tatsächlich ein Orchester dirigiert. Ein Pilot kann schließlich auch nicht von sich behaupten ein Flugzeug landen zu können, nur weil es im Simulator geklappt hat. Dirigierunterricht mit einem Orchester ist jedoch sehr selten; bei mir war es i. d. R. einmal pro Semester. Die Schlagfiguren (2er-, 3er-, 4er-Takt usw.) zu üben, die Unabhängigkeit der Hände zu trainieren oder lernen Tempi zu halten, zu beschleunigen und zu verlangsamen, sind Dinge, die man zu Hause für sich übt. Im Dirigierunterricht kommt man mit einer vorbereiteten Partitur und wird bestenfalls von seinem Lehrer am Klavier unterstützt. Der spielt dann den Orchesterpart, den man gerade für ein imaginäres Orchester dirigiert, dem man Einsätze in den ganzen Raum verteilt gibt. Man selbst darf sich dabei lebensgroß im Spiegel betrachten, um sofort ein eigenes optisches Korrektiv zu haben. Mich hat das anfangs immer viel Überwindung gekostet. Aber wenn man seine eigenen Fehler sieht – auch in Form von Video-Analysen –, lernt man manchmal mehr, als nach langen verbalen Kritiken.
Nachdem man monatelang einen Pianisten dirigiert hat, steht man dann plötzlich vor einem Orchester. Meist herrscht ein straffer Zeitplan, da es wenig Zeit für viele Dirigierschüler gibt. Schließlich muss sich der personelle und organisatorische Aufwand lohnen. Die ersten Male ist man völlig überfordert. Einerseits wird man überwältigt von der großen Klangfülle, andererseits ist ein großes Orchester natürlich viel träger als ein einzelner Pianist. Zudem reagieren die verschiedenen Instrumente aufgrund ihrer baulich bedingten Spielweise unterschiedlich. Kurzum: Es ist etwas völlig anderes und erst jetzt zeigt sich, ob man das Werk ordentlich studiert hat. Denn Plötzlich hört man Stimmen, die man zuvor noch nicht gehört hat, weil sie der Pianist nicht gespielt hatte. Hinzu kommt, dass man es mit einer großen Gruppe Menschen zu tun hat. Ohne eine gute Kommunikationsfähigkeit und ohne ein dickes Fell kann man nur scheitern. Für mich war es immer ein riesiger Gewinn, all diese musikalischen und menschlichen Erfahrungen zu sammeln. Zu meinen ersten Werken, die ich mit Orchester dirigieren durfte, zählen u. a. die c-Moll- und die A-Dur-Sinfonie von Mendelssohn Bartholdy, die 9. Sinfonie von Dvořák, die 1. Sinfonie von Beethoven, die Sinfonien in g-Moll KV 550 und in C-Dur KV 551 von Mozart, das 2. Orgelkonzert von Rheinberger oder die 104. Sinfonie von Haydn – alles großartige Musik!
Beim Chordirigieren ist die Art der Ausbildung eine andere. Meist hat man eine Gruppe von Dirigierschülern, von denen immer einer dirigiert, während die anderen das betreffende Stück singen. So lernt man sofort und beständig am „lebenden Objekt“. Allerdings hatte ich nie Unterricht in Chordirigieren.

Das Besondere am Orchesterdirigieren

Das Besondere am Orchesterdirigieren ist aus meiner persönlichen Sicht die Klanggewalt, die sich mit einem großen Orchester erzeugen lässt. Zudem beeindruckt mich immer wieder, wie die unterschiedlichsten Instrumente zu einem großen Ganzen zusammenwachsen. Mit einem Taktstock in der Hand ist es zudem ein ganz anderes Dirigiergefühl. Man könnte meinen, dass das die Ausdrucksmöglichkeiten einschränken würde, doch es eröffnet gleichzeitig ganz andere Arten sich mitzuteilen. Da der Taktstock die Bewegungen der Schlaghand um einiges vergrößert, wird die Palette bspw. an dynamischen Steigerungsmöglichkeiten stark erweitert: Für ein pianissimo bedarf es quasi kaum einer Regung der Hand, umso gewaltiger kann man über ein crescendo ein fortissimo erzeugen. Das geht im Chordirigat so nicht. Zudem ist es für mich immer wieder eine Herausforderung, die Balance zwischen solistischen oder paarig agierenden Bläsern und den Streichergruppen auszuloten bzw. natürlich das Zusammenspiel zwischen Solisten und Orchester zu organisieren. Am Dirigentenpult klingt Vieles ganz anders als ein paar Meter weiter im Zuschauerraum. Diese Diskrepanz, dass der Hörer etwas anderes hört als man selbst als Dirigent, so einzuplanen und damit klarzukommen, ist immer wieder spannend.

Debüt-Konzert 2011.
Debüt-Konzert 2011.

Referenzen als Orchesterdirigent

2009 – 2012 im Rahmen des Dirigierunterrichts Praxiskurse mit dem Collegium Musicum Weimar und dem Orchester der Musikschule Weimar
2010 erste kleine Auftritte als Orchesterdirigent mit dem Kammerorchester „Ensemble Amadeus“ (Laienorchester)
2010 - heute Teilnahme an allen Auerbacher Sommerkursen Orchesterdirigieren mit der Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach unter Leitung von GMD Stefan Fraas
2011 Debüt-Konzert als Orchesterdirigent mit 5 Männerchören, der Sopranistin Andrea Chudak und der Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach
2013 - heute Gründung und Leitung des Projektes „Ein Dorf singt“ in Langenbernsdorf. Stets auch Aufführung sinfonischer Literatur.
zudem zahlreiche Dirigate mit Schülerorchestern (gemischte Ensembles, Blasorchester, Akkordeonorchester)