…edieren

Viele Menschen gehen voller Vorfreude in die Oper oder ins Konzert. Auf dem Nachhauseweg diskutieren sie, ob die Solisten gut waren oder ob das Orchester ordentlich gespielt hat. Bei weniger bekannten oder noch nicht etablierten Komponisten debattieren sie, ob dieser nun gute Musik geschrieben hat und ob es sich lohnt, wieder einmal in eines seiner Stücke zu gehen. Dass Musiker vor einer Aufführung die Stücke zuerst im stillen Kämmerlein und später im Ensemble proben, ist dabei jedem bekannt.
Die wenigsten Konzertbesucher – und leider mitunter auch Musiker – stellen sich jedoch die Frage, wie es sein kann, dass da modern gedruckte Notenausgaben auf den Pulten liegen, obwohl der Komponist schon seit Jahrhunderten tot ist.Dabei müsste doch genau diese Frage auf der Hand liegen? Als Bindeglied zwischen längst verstorbenen Komponisten und sowohl dem Musiker als auch dem Publikum unserer Tage kommt der Musikwissenschaftler als Editor ins Spiel.

Was ist eine Edition?

Den Prozess alte Manuskripte in ein modernes Druckbild zu übertragen nennt man edieren, das Ergebnis ist die Edition. Allerdings ist es eben nicht nur das Abtippen von Noten und Text, was ein Editor zu leisten hat. Seine Arbeit ist weitaus komplizierter und bedarf neben Erfahrung im Umgang mit historischem Quellenmaterial eines großen Maßes an Wissen über die jeweilige Zeit. Denn der seltenste Fall, dem sich ein Editor gegenübersieht, ist eine einzige Quelle aus der Hand des Verfassers, die noch dazu keine Mehrdeutigkeiten enthält.

Wie funktioniert das technisch?

Während man vor der Erfindung von Notationssoftware noch ca. vier Stunden pro Notenseite brauchte, um jedes Zeichen einzeln auf eine Bleiplatte zu stechen, die noch dazu nahezu nicht korrigiert werden konnte, hat es ein Editor heutzutage deutlich leichter. Genau wie Komponisten und Arrangeure benutzen wir eine Notationssoftware, die man sich grundsätzlich wie ein Schreibprogramm vorstellen muss. Eine gute Notationssoftware zeichnet sich aber dadurch aus, dass man neben der Noteneingabe nahezu unbegrenzte graphische Darstellungs-, Export- und Wiedergabemöglichkeiten hat. So kann man nicht nur Noten eingeben und mit Sonderzeichen und / oder Text versehen, sondern man kann die Anordnung manuell verändern, Seitenumbrüche bestimmen, aus einer Partitur Einzelstimmen herausziehen (auch transponiert) usw. Das erfordert neben dem fachlichen Wissen vor allem auch gestalterische Erfahrung: Wo platziert man am besten einen Seitenumbruch? Wie richtet man Systemabstände aus? Wie viel Platz lässt man zwischen einzelnen Notenzeilen? Wie groß müssen die Noten für welche Art Stimme oder Partitur sein (Dirigierpartitur, Klavierauszug, Chorpartitur, Orchesterstimme)? Welche Papierformate eignen sich für welchen Zweck? usw.

Vom Manuskript zur druckfertig edierten Notenseite: Ausgangspunkt ist das Manuskript des Komponisten (Bild 1). Dieses wird am Computer mit einer Notationssoftware Note für Note und Zeichen für Zeichen abgetippt (Bild 2), was man mit dem Abschreiben eines handschriftlichen Textes mit einem Schreibprogramm vergleichen kann. Danach erfolgt das Layout der Dirigierpartitur (Bild 3), d. h. die exakte Platzierung aller Zeichen wird manuell verbessert, Seitenumbrüche werden manuell konfiguriert u. v. a. m. Aus dieser Datei wiederum kann man alle anderen Stimmenauszüge herstellen, wie z. B. eine Chorpartitur (Bild 4) oder eine Orchesterstimme (hier: Klarinette I, Bild 5), muss diese jedoch wieder neu Layouten, da jede Materialart ein eigenes Papierformat und damit eine andere Zeichengröße hat. Danach geht das fertige Material an den Verlag / die Druckerei, bevor Musiker aus den schwarzen Zeichen auf Papier tatsächlich Musik machen.

Klingt einfach. Kann das nicht jeder?

Wie oft habe ich diese Frage schon gehört. Natürlich kann jeder, der Noten lesen kann, auch Noten schreiben. Doch kaum ein Manuskript ist im Original so angelegt, dass man es ohne zu denken ‚einfach nur abtippen‘ kann. Mal fehlen die Instrumentenangaben, mal verdeckt ein Klecks eine Note, mal fehlen bei der Wiederholung einer Phrase Artikulationszeichen, die beim ersten Mal noch da waren, mal schreibt der Komponist colla-parte-Anweisungen, bei denen nicht sofort klar ist, worauf sie sich beziehen, mal steht in einem vierstimmigen Chorsatz nur in einer Stimme der Text, obwohl alle Stimmen eine unterschiedliche Anzahl an Tönen haben und somit die Silbenausrichtung unklar ist, usw. Im Prinzip kann jeder edieren. Ja, das stimmt. Aber auch hier gilt wie im wahren Leben: Wenn es gut werden soll, muss der Fachmann ran.

Viele Quellen – Was nun?

Während die technischen und graphischen Hürden mit etwas Geschick noch viele Unkundige bewältigen könnten, ist spätestens beim folgenden Szenario Schluss: Ein Komponist im 18. Jahrhundert verfasst ein Werk in Form einer Kompositionspartitur (Quelle 1). Ein Kopist fertigt die Dirigierpartitur (Quelle 2a) sowie Gesangs- und Orchesterstimmen (Quelle 2b) für eine Aufführung an. Da der Komponist die Uraufführung selbst dirigiert, nimmt er während der Proben Änderungen vor. Diese werden aber nur in die Dirigierpartitur und die Stimmen (Quellen 2a und 2b), nicht aber in seine Kompositionspartitur (Quelle 1) eingetragen. Da das Werk in Stadt X ein großer Erfolg ist, wird es in Stadt Y wiederaufgeführt. Die dortige Kopistenwerkstatt fertigt neues Stimmmaterial an (Quelle 3), jedoch auf Grundlage von Quelle 1, da sie Quelle 2 nicht kennt. Allerdings ist einer der Solo-Sänger schlechter und der Komponist muss dessen Partie (A1) umkomponieren (A2). Dafür gibt es im Orchester in Y einen virtuosen Musiker, für den der Komponist extra eine zusätzliche Partie schreibt (B). Da der Erfolg des Werkes so groß ist, soll es gedruckt werden. Der Komponist wird vom Intendanten des Theaters in Y überredet, seine Partitur zu überarbeiten, und schreibt eine neue (Quelle 4). Darin sind die Korrekturen aus Quelle 2 nicht enthalten, dafür die Änderungen aus Quelle 3. Der Verleger empfindet das Werk jedoch als zu lang und fordert den Komponisten auf zu kürzen. Dieser trägt die Kürzungen in seine zweite Partitur (Quelle 4) ein. Auf deren Grundlage entsteht der Erstdruck (Quelle 5). Später tauchen plötzlich autographe Skizzen des Komponisten auf (Quelle 6), die noch vor Quelle 1 verfasst worden sind. Was nun???

Problem 1

Keine der fünf ‚vollständigen‘ Quellen überliefert dasselbe Werk.

Problem 2

Welche Änderungen hat der Komponist gewollt, zu welchen wurde er gezwungen? Welchen Wert hat die ursprüngliche Fassung gegenüber dem letzten Wille? Ist der sog. ‚letzte Wille‘ überhaupt der Wille des Komponisten?

Problem 3

Einzelne Töne sind in Quelle 5 anders als in den Quellen 1–4. Fehler oder Absicht?

Problem 4

In allen Quellen außer 1 und 2 ist Partie A2 überliefert, aber A1 ist nicht nur die ursprüngliche, sondern auch die bessere. Welche Partie kommt in die Edition: Die ursprünglichere oder die am häufigsten überlieferte? Die bessere oder schlechtere? Ist „besser“ überhaupt ein Maßstab? Denn wer entscheidet darüber?

Problem 5

Partie B ist nicht für das ursprüngliche Werk sondern für einen speziellen Musiker einer speziellen Aufführungssituation geschrieben worden. Soll sie in die Edition aufgenommen werden?

Problem 6

Wie soll mit den Skizzen umgegangen werden?

… usw.

Zugegeben: Dieser Fall klingt sehr speziell, kommt aber in ähnlicher Form in der Realität leider gar nicht so selten vor. Selbst wenn nur die Hälfte der Umstände zusammenkommt, ist die Sachlage manchmal kompliziert genug. Tauchen dann plötzlich noch Briefe sowie widersprüchliche Aussagen von befreundeten Musikern und / oder Schülern auf, in denen behauptet wird, der Komponist habe sich bei diesem und jenem Stadium seiner Komposition diese und jene Gedanken gemacht, wird die Lage erst richtig kompliziert. Dann gibt es nicht die einzig richtige Edition, sondern dann muss es verschiedene Fassungen und einen ausführlichen Kommentar geben, auf dessen Grundlage die Musiker, die die Edition benutzen, eigene Aufführungsentscheidungen treffen. Ohne einen fach- und sachkundigen Musikwissenschaftler funktioniert das nicht – und ohne Edition kein Konzert.